Wenn die große Liebe zur Last wird

Lass uns mit einem Gedankenspiel beginnen: Stell dir vor, es ist wieder einer dieser Tage, an denen nichts zu funktionieren scheint. Die glückliche Fassade, hinter der du dich versteckst, die lächelnde Maske, die du nach außen trägst, lässt sich durch die aufkommende Düsternis in deinem Herzen nicht mehr aufrechterhalten.

Obwohl du lange nicht mehr an sie gedacht hast, oft versucht hast sie zu verdrängen, denkst du nun an Sie. An die große Liebe in deinem Leben, mit der du schon so vieles erlebt hast und die dich einfach nicht loslässt. Du weißt, dass sie dir eigentlich nicht guttut und doch scheint sie das Einzige zu sein, das dir jetzt helfen kann: den Schmerz zu betäuben, für einige Momente im Glück zu schweben, die Last des Tages abzuwerfen. Auch deine Freunde mögen sie, deine große Liebe. Doch dass sie dir mehr nimmt, als sie dir gibt, merkst du meistens viel zu spät.

Von der Gewohnheit zur Abhängigkeit: Ein schleichender Prozess

Wie jede große Liebe zu Beginn verheißungsvoll ist, so gewöhnst du dich an sie, bis aus der Gewohnheit schleichend eine Abhängigkeit wird und du dir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen kannst. Der Trennungsprozess kann unheimlich schwer sein. Über die Zeit hinweg werden die Selbsttäuschung, die Unehrlichkeit gegenüber sich selbst und jede kleine Lüge, die man sich selbst erzählt, zur Normalität. Ohne zu wissen, wer man eigentlich ist und sich dafür zu schämen, wer man vorgibt zu sein, flüchtet man ins Vergessen – und findet Halt in einer Gesellschaft, die dieses Abhängigkeitsproblem kollektiv unterstützt.

Daniel Schreibers „Nüchtern“: Deutschlands kollektives Wegschauen

Alkohol gehört zu den Grundfesten unserer Kultur. Daniel Schreiber schreibt dazu treffend:

„Das Trinken ist so tief in unseren sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Ritualen verankert, dass es für die meisten zu einem blinden Fleck wird.“
(Schreiber, S.106)

Da haben wir sie nun, Daniel Schreibers ehemalige große Liebe. Doch mit noch größerer Liebe und verdammt viel Mut, schrieb er das Buch „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“. Es ist ein Buch wie kein anderes. Nicht nur, dass es mit Vorurteilen und Stigmata gegenüber Alkoholkranken aufräumt, es schafft auch einen Raum der Reflexion über die ganz eigene Beziehung zum Alkohol.

Funktionierende Alkoholiker: Betäubung als gesellschaftliche Norm

Dass das klassische Bild des „Straßenalkoholikers“ längst nicht die Realität darstellt, müsste uns eigentlich bekannt sein. Die meisten Alkoholkranken funktionieren. Sie konstruieren „wirksame Fassaden eines scheinbar produktiven Lebens […]. Sie ziehen Familien groß, sitzen beim Elternabend und im Kino neben Ihnen, machen wie Sie Wochenendausflüge, tanzen auf den Hochzeiten Ihrer Freunde. […] Sie leben nicht auf der Straße, sie haben Freunde und einen Job. Sie sind Menschen, die früher einmal tatsächlich Spaß hatten, wenn sie tranken. Sie sind Menschen, die in klaren Momenten realisieren, dass irgendetwas Unerfindliches in ihrem Leben aus dem Ruder läuft, und die gegen diese Erkenntnis antrinken.“ (S. 14, 17)

„Die meisten Alkoholiker sind Menschen, die ein Leben leben, das sie sich ohne Alkohol einfach nicht mehr vorstellen können. […] Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt kann man sich auch ein Leben mit Alkohol nicht mehr vorstellen.“
(Schreiber, S.17, 25)

Zu trinken ist laut Schreiber in einer Stressgesellschaft wie Deutschland eine kollektiv anerkannte Bewältigungsstrategie. „Alkoholprobleme werden […] großflächig verleugnet. […] [Und] wenn man nicht mehr trinkt, nervt dieser gemeinschaftliche Selbstbetrug gewaltig.“ (S. 38f.)

Die Biologie der Sucht: Warum das Gehirn nicht vergisst

Niemand ist vor Krankheiten gefeit. Während unsere Gene beeinflussen, wie wir auf Alkohol reagieren, liegt die wesentlichste Voraussetzung für eine Abhängigkeit im gewohnheitsmäßigen Trinken. Dieses verändert die Nervenzellen im Gehirn so nachhaltig, dass das zentrale Nervensystem die Zufuhr irgendwann zum Funktionieren braucht (S. 66f.).

Besonders erschreckend: Abhängigkeiten bleiben ein Leben lang.

„Wer einmal abhängig war, wird es immer bleiben, wird immer anfällig für zwanghaftes Verhalten sein. […] Die Stimme der Sucht wird sich immer wieder melden. […] Genauso wenig, wie das Gehirn verlernt, Fahrrad zu fahren oder zu schwimmen, verlernt es die Abhängigkeit.“
(Schreiber, S.129f.)

Je mehr wir diese Krankheit stigmatisieren, desto schwieriger wird es für Betroffene, sich Hilfe zu suchen.

Wege in die Nüchternheit: Was wirklich hilft

„Zu trinken, um den Lärm im Kopf zu beruhigen, um die Schuldgefühle, Unsicherheiten und zurückgehaltenen Vorwürfe handhabbar zu machen, die übertriebenen Erwartungen an sich selbst oder das Gefühl der Bedeutungslosigkeit zu bewältigen, ist eine ganz und gar unsinnige Strategie.“
(Schreiber, S.128.)

Wenn dich interessiert, wie er den Weg in die Nüchternheit beschritten hat, kann ich dir sein Buch wärmstens empfehlen. Hier sind die Punkte, die ihm geholfen haben:

  • Ehrlichkeit zu sich selbst
  • Schamgefühle regulieren
  • Hilfe suchen: Selbsthilfegruppen oder Therapeuten
  • Austausch: Mit Menschen sprechen, die bereits nüchtern leben
  • Neue Routinen: Gesunde Gewohnheiten etablieren (Sport, Meditation)
  • Selbstfürsorge: Das Leben annehmen, wie es ist

Mein Fazit: Ein Lichtblick am Horizont

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man kann sich schlechte Gewohnheiten abgewöhnen und gute angewöhnen. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen will, dem empfehle ich zusätzlich „Die 1% Methode“ von James Clear oder das Fachbuch „Das Leben annehmen“ von Matthias Wengenroth (ein persönlicher Wendepunkt für mich).

In diesem Sinne: Gönn dir eine (Alkohol-)Pause und lies „Nüchtern“ von Daniel Schreiber.

Buchcover von Daniel Schreiber - Nüchtern vom Suhrkamp Verlag

Meine 3 Key Learnings

Bewertung

Heilung beginnt bei der Wahrheit
Lebenslange Anfälligkeit mit Ersatzgewohnheiten regulieren
Echte Selbstfürsorge statt schleichender Selbstzerstörung

Quellen & Lesetipps:

  • Schreiber, Daniel: Nüchtern. Über das Trinken und das Glück. Suhrkamp Verlag, 2016.
  • Clear, James: Die 1% Methode. Minimale Veränderung, maximale Wirkung. Goldmann Verlag, 2020.
  • Wengenroth, Matthias: Das Leben annehmen. So hilft die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Hogrefe Verlag, 2016.

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