Wenn der Sommer farblos wird: Zwischen Festhalten und Loslassen

Eine leere Leinwand. Früher mit Farben bemalt, jetzt mit nichts. Nur weiß. Farblos wie die Leinwand ihres Lebens fühlt sich für Alma der Sommer an. Weiß. „Nicht das ruhige, sanfte Weiß von Wolken und Papier, sondern Licht, das so grell ist, dass die Schatten zwischen den Tagen verschwinden, eine flirrende Hitze, die über allem liegt. Ein Weiß, das die Konturen verschwimmen lässt.“ (S. 13) Ein Weiß, das Entscheidungen schwer macht. Should I stay or should I go?

Geschichten von der großen Liebe, dem farbenfrohen Kennenlernen und der gemeinsam verbrachten, intensiven Zeit kennen wir alle. Doch wie geht es weiter, wenn die Sehnsüchte rufen, die Selbstverwirklichung an die Tür klopft und man sich fragt, ob man sich wirklich noch frei fühlt? Wenn Pro- und Kontra-Listen geführt werden – mit guten Argumenten für beide Seiten – und das Gefühl wie der Zustand der Luft vor dem Regen das Gemüt bestimmt: „geladen und trotzdem still.“ (S. 75) Wenn der Sommer weiß wird, die Ungewissheit zwischen Trennung und Zusammenbleiben zur Frage führt, „ob das Liebe ist oder nur Angst.“ (S. 18)

Das Echo der Distanz

Eva Pramschüfer beleuchtet mit ihrem diesjährigen Debütroman „Weisser Sommer“ erstaunlich präzise die Zerrissenheit zweier Liebender, deren Leben unterschiedlicher nicht sein könnten. Sprunghaft erzählend zwischen Kennenlern- und Trennungsstory sowie abwechselnd aus den Perspektiven der Protagonisten Elma und Théo, spannt sie einen Bogen über eine Beziehung, die gleichzeitig von so viel Nähe und doch so viel Abstand geprägt ist. Nicht nur räumliche Distanz macht den beiden zu schaffen, sondern auch der immer größer werdende Abstand zwischen dem Gefühl, einander wirklich zu verstehen.

„Glaubst du, das braucht man? Dieses Verständnis für eine andere Person?“ – „Nein, nicht wirklich. Ich glaube nicht, dass man einen Menschen ganz verstehen muss, um ihn zu lieben, wie ist das bei dir?“ – „Mhm. Ich glaube, für mich ist es die höchste Form der Liebe, jemanden so lange zu studieren, bis ich ihn wirklich verstanden habe.“ – „Vielleicht ist das dein Problem.“ – „Vielleicht.“
Pramschüfer, S. 178

Es ist ein Buch, das nah am Leben ist, geschrieben von einer Autorin, die genau hinsieht. Die in die Gefühlswelt eintaucht, in die Farben des Lebens und in jene Stille, die Räume füllen kann. Ob leer, ob angespannt: Die Stille beschreibt sie wie die Farblosigkeit. Das Nebeneinander verschiedener Farben, der Moment, wenn man sie mischt, wie sie strahlen und wieder verblassen, wenn weiße Farbe drüber gestrichen wird. Weisser Sommer – was für ein passender Titel für ein kluges Buch, welches mich gefunden und tief berührt hat.

Vom richtigen Moment des Gehens

Wann ist man wirklich glücklich, wann ist es Zeit, eigene Entscheidungen zu treffen, und wann lohnt es sich, festzuhalten oder loszulassen? Diese und viele weitere Fragen der inneren Zerrissenheit und des vermeintlichen Widerspruchs zwischen Gehen und Bleiben werden in diesem Buch – dessen Ende ich natürlich nicht verraten mag – thematisch so emotional intelligent behandelt, dass ich das Werk still und heimlich zu den Lebensratgebern zähle; für all diejenigen, die sich in derselben Situation befinden.

„Da ist so viel, was sie ihm sagen will. Dass sie manchmal, wenn sie ihn ansieht, überwältigt ist von ihren eigenen Gefühlen. Dass sie sich fragt, ob sie ihn liebt oder nur besitzen will, ob er sie nur besitzen will, ob das nicht der ganze Sinn ist, dass man denkt, man hätte Sicherheit, dabei ist es alles ein Trugschluss. Dass sie bei der Vorstellung, von ihm besessen zu werden, schreien möchte.“
Pramschüfer, S. 195

Besonders wenn zwei gegensätzliche Bindungstypen aufeinanderstoßen, hilft oft nur ein ehrliches, klärendes Gespräch beider Parteien. Doch reicht das aus? Reicht die reine Reflexion, um die Beziehung noch zu retten?

„Sie weiß in diesem Moment, dass er die Fähigkeit besitzt, sie zu hassen. Für die Verlustängste, die sie in ihm hervorbringt, das Gefühl, nicht zu genügen. Und sie ihn auch, umgekehrt, für den Egoismus, den er in ihr erweckt, den Drang zu rennen.“
Pramschüfer, S. 255

Fazit: Mut zur eigenen Farbe

Liebe ist und bleibt ein Phänomen. Sie ist nicht fassbar und doch so präsent. Sie ist vielleicht auch ganz anders, als wir denken. Wir sollten mehr auf das hören, was uns Farbe ins Leben bringt. Liebe und Schmerz sind letztlich immer auch Antriebe, leere Leinwände zu bemalen. Denn wer es nicht wagt, auf die Liebe zu sich selbst zu hören, dessen Leben wird für mehr als nur einen Sommer weiß bleiben. Und das wünsche ich keinem.

Das Buch bekommt von mir eine Eins mit Sternchen für all die tiefgründigen Gedanken, Metaphern und Anregungen, die es einem mit auf den Lebens- und Liebesweg gibt. Wenn auch ihr euch gerade fragt: Should I stay or should I go?, antworte ich euch: Read this book first!


Meine Empfehlung

Bewertung

Herausfinden, was einen verbindet
Herausfinden, was einen trennt
Liebevolle Entscheidungen treffen

Quellen & Lesetipps:

  • Pramschüfer, Eva: Weisser Sommer. Rowohlt Verlag, 2026.
  • König, Verena: Trauma und Beziehungen. Wie wir die immergleichen Bindungsmuster hinter uns lassen. Arkana Verlag, 2024.

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