High on Dopamine: Was die Generation Z mit dem Existenzialismus zu tun hat

Einsamkeit, Überforderung und die Unmöglichkeit, mich bei der Lebensmittelauswahl im Supermarkt entscheiden zu können, bestimmen viel zu oft mein Leben. Neben mir die Menschen, denen es genauso geht. Vorm Kühlregal stehend, tausendundeins Produkte sehend und blind in Anbetracht der viel zu großen Auswahl, greifen wir zu den Produkten, die uns maximalen Genuss versprechen.

Die Entscheidungsfähigkeit ist in jeglicher Hinsicht eine der wohl komplexesten Fähigkeiten, die die Menschen auszubauen versuchen. In einer komplexen Welt mit scheinbar endlosen Möglichkeiten, werden wir tagtäglich vor Entscheidungen gestellt.

Wegweiser auf dem "One Way" und "or another" steht, im Hintegrund blauer, wolkiger Himmel
  • Nur „kurz ein paar Reels“ schauen oder sich doch noch zum Sport bewegen?
  • Auf Instagram nur Highlights oder doch das wahre Leben teilen?
  • Lass ich den Text jetzt von der KI schreiben oder versuche ich es einfach selbst?

Zum Glück müssen wir nicht alle Entscheidungen selbst treffen und sowieso, die meisten Entscheidungen treffen wir gar nicht bewusst, sondern intuitiv.

Da die großen Fragen der Selbstverwirklichung nun leider Gottes doch auf den ein oder anderen Entscheidungen fußen und was diese mit dem Existenzialismus zu tun haben, erklärt uns Valentina Vapaux.

Wer ist Valentina Vapaux – und warum spricht sie für uns?

Freiheit ist eines der Schlüsselbegriffe unserer Generation. Nicht umsonst hat die Frau, die 2001 geboren wurde und 2021 ihre Abhandlung über die Generation Z schrieb, diesen Begriff im Namen. Wer sie googelt, wenn auch nur um herauszufinden, wo die Freiheit denn nun versteckt sei, erkennt schnell, dass sie als Stimme der Gen Z betitelt wird. Obgleich sie sich in einigen Punkten als „untypisch für ihre Generation“ beschreibt, trifft sie den Nagel auf den Kopf: „wir sind die Generation, die Widersprüche so stark vertritt wie vielleicht keine vor uns.“ (Vapaux, S.179f.)

Zwischen 1995 und 2010 geboren – das ist die Gen Z, laut Statista. Gruselig, am Ende des Alphabets zu stehen und orientierungslos nach oben zu schauen, um dem Abgrund vor einem nicht ins Auge blicken zu müssen. Stattdessen blicken wir in unsere Smartphones, schlagen uns mit Generationskonfliktdebatten und langen deutschen Wörtern herum.

Die Last der Passivität

„Scrollen ist so einfach, leben viel zu schwer.“
(Vapaux, S.17)

Wer endloses Scrollen durch bedeutungslosen Inhalt mit anschließender mentaler Sinnlosigkeit und körperlicher Antriebslosigkeit verbindet und fühlt, wie schwer dieser Satz jetzt gerade auf einem lastet, der weiß, wovon ich spreche. Unabhängig von Generationszugehörigkeiten; Mediensucht ist unfassbar weit verbreitet und richtet mehr Schaden an, als uns lieb ist. Zu viele schauen weg, wenn sie hören, wie schlimm es um die Psyche junger Menschen bestellt ist, wenn es um dieses Thema geht. Dass das ganze Design der Anwendungen auf ständige Dopaminkicks ausgelegt ist, macht es nicht besser.

„Soziale Medien lassen uns passiv werden, doch ist es vor allem das aktive Leben, das uns glücklich macht.“
(Vapaux, S.26)

Selbstwirksamkeit ist hier das Stichwort; die Überzeugung, aus eigener Kraft handeln und schwierige Situationen bewältigen zu können. Erfolgserlebnisse zu haben und Selbstvertrauen zu erfahren. Vapaux nennt es liebevoll ein „Sein-Leben-in-die-Hand-Nehmen“ – das fasst es mit meiner These „Sein-Handy-mal-öfter-aus-der-Hand-nehmen“ gut zusammen.

Das Problem ist nicht nur das Smartphone in unserer Hand, sondern die Frage, was wir mit der gewonnenen Zeit anfangen würden, wenn wir den Blick vom Display lösen. Hier trifft Vapaux’ Gesellschaftskritik auf einen philosophischen Kern, der fast 80 Jahre alt ist: den Existenzialismus. Wenn wir aufhören zu scrollen, stehen wir plötzlich vor der nackten Freiheit, uns selbst entwerfen zu müssen.

Sartre: Der Zwang zur Freiheit

„Wir leben in einer Welt mit endlosen Möglichkeiten. […] Und in jedem Moment, in dem wir uns aktiv für etwas entscheiden, entscheiden wir uns automatisch auch gegen unendlich viele andere Möglichkeiten.“
(Vapaux, S.72)

Ursprünglich von Jean-Paul Sartre kommend, bezieht sich der Gedanke auf die Negativität der Zeit. Das Ich ist nicht mehr das, was es mal war, und ist noch nicht das, was es sein wird. Die Ausfüllung der Zeit macht die Existenz aus und der Horizont der Möglichkeiten verkleinert sich von Entscheidung zu Entscheidung. Durch dieses Verlorengehen von Möglichkeiten und dem Zwang, zu wählen, ergibt sich der Zwang der Freiheit.

Sartre erkannte schon damals: Ich bin für alles verantwortlich, was in meinem Leben passiert. Ich habe immer die Wahl. Wenngleich uns Situationen widerfahren, die Zwänge eröffnen, kann die Freiheit eingeschränkt sein, aber nie verloren gehen. Werden Entscheidung gefällt, sind auch die Konsequenzen und Risiken zu tragen.

Wir sind ständig auf der Suche nach uns Selbst. Kein Wunder, dass wir ständig existenzielle Fragen stellen und meist nur diffuse Antworten bekommen. Auch Vapaux stellt sich die kleine, aber feine Frage nach dem Sinn des Lebens und landet bei ihrer Analyse genau hier: dem Existenzialismus.

Sisyphos: Die Sinnlosigkeit annehmen

Wären Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus passende Namen, wenn man im digitalen Zeitalter nach inspirierenden Vorbildern sucht? Sollte sich die Antwort nicht eher auf Influencer:innen, YouTuber:innen oder TikToker:innen beziehen? Wem überlassen wir denn Einfluss und damit auch Macht über uns und unsere Zeit?

Der Wunsch nach einem Sinn und die gleichzeitige Last der Freiheit begegnet uns alltäglich. Ob wir uns von Creator:innen oder von den Medien leiten lassen, wir sollten nie vergessen, wem wir unsere wertvolle Zeit besonders häufig schenken sollten: uns selbst – und unserer Überzeugung, unserem Gefühl, selbst zu wirken.

Absurd, oder? Diese ganze Suche nach einem Sinn. Vielleicht gibt es den auch gar nicht. Wieso suchen wir ihn dann ständig, wenn wir erkannt haben, dass es keinen gibt? Wenn auch du dir diese Frage gestellt hast; keine Sorge, Camus hat das schon durchgedacht.

Wir optimieren uns, räumen unser Leben auf, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass das Chaos zurück ist. Es ist die moderne Version einer uralten Erzählung: die Sisyphosaufgabe.

Sisyphos rollt einen Stein den Berg hinauf

Wir rollen den Stein den Berg hinauf, nur damit er nachher wieder runterrollt und wir von Neuem beginnen müssen. Hoch und runter, immer wieder dasselbe, wie sinnlos. Trotzdem machen wir es!
Einstein nannte das wahnsinnig.

Die Lösung: Die Sinnlosigkeit annehmen. Uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, der sein Schicksal sein Eigen nennt. Der akzeptiert, dass er diese Situation nicht ändern kann, aber durchaus in der Lage ist, seinen Umgang mit der Situation zu ändern.

Auch der Theologe Reinhold Niebuhr äußert in seinem Gelassenheitsgebet:

„Herr, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Niebuhr)

Fazit

Valentina Vapaux schreibt nicht nur über die Themen der Generation Z, sondern verfasst eine ganz wunderbare, gesellschaftskritische Analyse über die Herausforderungen unserer Zeit. Ergänzt mit philosophischen Gedanken und Theorien, ist das Buch für mich mehr als nur ein Ratgeber. Gönn dir ne Pause; lies Generation Z von Valentina Vapaux.


Buchcover Generation Z von Valentina Vapaux

Meine 3 Key Learnings

Bewertung

Das Leben selbstbestimmt leben
Widersprüche akzeptieren
Die Qual der Wahl positiv sehen

Quellen & Lesetipps:

  • Vapaux, Valentina: Generation Z. Gräfe und Unzer Verlag, 2021.
  • Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts.
  • YouTube: Kurzgesagt – Positiver Nihilismus.

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